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Predigt zu Johannes 1, 15–18 an Epiphanias, 6. Januar 2022 
in der Deutschen Kirche in Helsinki

Bild zur Predigt am 6. Januar 2022

Da stehen sie nun also, die Weisen aus dem Morgenland. Und wo sie da stehen! Wie sind sie nur an diesen unwirklichen Ort gekommen? Auf der Suche nach dem neuen König waren sie. Und hier, am Rande des kleinen Dorfes Bethlehem, sind sie gelandet. Eine junge Mutter. Und ein Kind. Ein Kind mitten im Nirgendwo. Das ist er also, der neue König. Nun ja, kein Palast. Kein Schloss. Kein prächtiges Geschmeide. Eine Krippe. Ein ganz normales Kind. Oder?

Die Weisen erkannten: Das ist er, König der Juden, Heiland der Welt. Sie fielen auf die Knie und beschenkten das Neugeborene reichlich. Ein Strahlen erfüllte den Raum und die Herzen und von dort ausgehend die ganze Welt.

Gott in einem Kind. Gott wird Mensch. Der undenkbare, unsichtbare, ewige Gott in so etwas Selbstverständlichem wie einem Kind. Darum geht es in unserem Glauben. Darum geht es, wenn wir seit zweitausend Jahren Christus in die Mitte des Lebens stellen. Gott wird Mensch.

Von Beginn an stieß das auf Widerstand: Gott im Menschen. Das Unsterbliche im Sterblichen. Und von Anfang an machten sich die Menschen daran, Worte für das Unaussprechliche zu finden. Im Evangelium des Johannes lesen wir in den letzten Sätzen des Prologs folgende Sätze:

Johannes zeugt von ihm und ruft: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich.

Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.

Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat es verkündigt.

Die Weisen aus dem Morgenland haben im Anblick des Kindes ganz unmittelbar begriffen, was los ist: Gott kommt auf die Welt. Johannes versucht es in Worte zu fassen. Und man merkt, das wird nicht so ganz einfach. Lukas erzählt uns diese wundervolle Geschichte: Eine schwangere Frau unterwegs, die Hirten und die Engel, der abseitige Raum einer Herberge. Immer und immer wieder erzählt, gemalt, besungen, gezeigt.

Und auch Matthäus erzählt es auf seine Weise malerisch. Und dramatisch: Die Weisen am Hof des Königs Herodes. Die Bedrohung, die über allem liegt, und dann das Wunder, das die Weisen dort in Bethlehem erblicken.

Und Johannes? „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ Er will der Sache auf den Grund gehen. Wie können wir Worte für das Unaussprechliche finden? Worte die nicht nur eine Geschichte erzählen. Sondern die versuchen, die tiefe Wahrheit der Menschwerdung auf den Punkt zu bringen.

„Da wird einer kommen, der vor mir gewesen ist.“ Es scheint etwas zu verrutschen im scheinbar normalen Ablauf der Zeit. Wenn Gott in die Welt kommt, wenn Gott zur Sprache kommt, muss man die Sprache anscheinend bis zum äußersten dehnen. Dabei geht es doch um die einfachste Sache, die man sich vorstellen kann: Ein Kind ist zur Welt gekommen.

Der Lauf der Zeit bleibt stehen. Das scheinbar so feste Gefüge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wird durchlässig. Das kennt man als Eltern eines Neugeborenen doch irgendwoher: Wenn man morgens um vier darum ringt, endlich einmal ein paar Minuten Schlaf zu bekommen, dann geht das Zeitgefühl auch schonmal durcheinander. Aber Johannes meint hier natürlich etwas tiefergehendes: Kann es sein, dass wir in diesem Leben, in unserer Gegenwart schon so etwas wie einen Geschmack der Unendlichkeit bekommen können?

Ein zentraler Begriff in diesen Sätzen und überhaut im ganzen Johannesevangelium ist das Wort Wahrheit. Und wie so oft versteht die Bibel da etwas anderes drunter als wir heute. Wahrheit beschreibt für de Menschen damals immer eine Beziehung zwischen zwei Menschen oder zwischen den Menschen zu Gott. Es geht also nicht um Tatsachen, sondern um die Gültigkeit einer Beziehung. Wahrheit bedeutet fast eher so etwas wie Treue. Wenn Johannes hier also sagt: „Das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden“, dann meint er: Für die Beziehung zwischen Gott und Mensch reicht es nicht aus, in langen Sätzen aufzuschreiben, was richtig ist und was falsch. Wahrheit kann nicht etwas alleine ewig gültiges sein. Irgendetwas, was vor Urzeiten einmal aufgeschrieben wurde und gilt es halt bis in alle Ewigkeit. Wahrheit muss sich immer wieder neu herstellen. Sie muss lebendig belieben. Gegenwärtig werden. Erst so wird sie ewig gültig.

Das scheint ein Paradox zu sein, ein Widerspruch in sich. Ich finde das aber vollkommen einleuchtend. Das verstehen wir ja heute auch noch unter Wahrheit. Wahr ist ja nicht automatisch, was vor 2 oder 200 oder 2000 Jahren einmal aufgeschrieben wurde und die Menschen damals wahr fanden. Wahr wird es nur, wenn wir es heute, in unserem Leben, in unserem Miteinander als wahr erleben und anerkennen. Wenn es als Wahrheit gegenwärtig erscheint. Wahrheit ist etwas, das zwischen Menschen immer wieder neu erscheinen muss. Aufleuchten.

Und wenn sie zwischen den Menschen aufleuchtet, diese Wahrheit, dann bekommen wir einen Geschmack der Ewigkeit. Da wird einer kommen, der vor mir gewesen ist. So kündigt Johannes Jesus an. Da wird einer kommen, und wenn er kommt, wenn ich ihm begegne, dann bekomme ich einen Geschmack der Ewigkeit. Da wird der Lauf meines Lebens unterbrochen.

Der Geschmack der Ewigkeit. Ruprecht Schmidt kocht für Sterbende. Vor über 20 Jahren war das noch anders. Da war er Koch in einem Sternerestaurant. Ein Freund erzählte ihm an einem Abend auf einer Party, dass in der Nähe ein Hospiz aufmacht. Ein Haus, in das Menschen zum Sterben kommen. Und dieses Hospiz suchte noch einen Koch. Ruprecht Schmidt stellte sich dort vor. Und nun kocht er seit 23 Jahren für die Sterbenden im Hospiz Leuchtfeuer in Hamburg St. Pauli. Von Anfang an war ihm klar: Er kocht das, was die Kunden sich wünschen. Kunden, so nennen sie die Gäste, die Sterbenden in dem Hospiz. Keine Speisekarte, kein festgelegtes Essen. Morgens macht Ruprecht Schmidt seine Runde, von Zimmer zu Zimmer, von Bett zu Bett und fragt, was für Essen gewünscht wird.

Zu Beginn, damals vor über 20 Jahren, da ist er erstaunt: Kaum einer wünscht sich etwas Ausgefallenes. Kaum einer wünscht sich Gourmetküche. Stattdessen: Kindheitsessen. Für die meisten ist das der Wunsch: Das Essen aus der Kindheit. Das Hühnerfrikassee, so wie die Mutter es gekocht hat. Die Klöße, die nur zuhause so schmeckten. Für den Koch eine Herausforderung. Manchmal muss er ein Essen vier bis fünfmal kochen, bis es den Kunden so schmeckt, wie sie es erwarten. Wie sie es kennen. Manchmal ist es dann die Spargelsuppe aus der Tüte, die in den Topf kommt. Weil nur sie so schmeckt wie die Spargelsuppe früher.

Der Geschmack der Ewigkeit. Im Hospiz Leuchtfeuer auf St. Pauli wird das ganz konkret. Am Ende der Zeit, im Ausblick auf das eigene Sterben noch einmal zurückgehen in der Zeit. Den Geschmack auf die Zunge bekommen von damals, als noch alles gut war. Als das Leben noch vor einem lag. Den Kreis schließen. Nicht nur ein Sterbender sein. Sondern ein Lebender. Vor allen anderem das: Ein Lebender sein. Einer der schmeckt und genießt. Eine, die das Leben noch vor sich hat. Auch wenn es nicht mehr viele Jahre sind, sondern nur noch wenige Tage. Aber dieses Essen, den nächsten Bissen, den nächsten Löffel, den gibt es noch und der schmeckt. Der holt mich zurück ins Leben.

Ist es das, was Johannes meint? „Da wird einer kommen, der vor mr gewesen ist.“ Mit ihm kann ich neu beginnen. Mit ihm, diesem Kind in der Krippe, Gott im Menschen, liegt das Leben noch vor mir. Das Leben bleibt. Geschmack der Ewigkeit. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne, in Ewigkeit.

Amen.

 

 


— Predigt zu Johannes 1, 15–18 an Epiphanias von Pastor Matti Fischer am 6. Januar 2022 in der Deutschen Kirche in Helsinki; Lied EG 16: ‚Die Nacht ist vorgedrungen‘.


Hauptpastor der Gemeinde