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Predigt zu Johannes 19, 30 am Karfreitag, 15. April 2022 in Helsinki

Bild zur Predigt am 15. April 2022

Was werden deine letzten Worte sein? Was wird das Letzte sein, was Du sagen wirst vor deinem Sterben? Wir haben uns da immer mal unsere Gedanken drüber gemacht. Damals im Studium. Wir Freunde hatten uns sogar überlegt, da mal ein Theaterstück draus zu machen. Einen ganzen Abend, der nur aus letzten Worten von berühmten und weniger berühmten Menschen bestehen würde.

Was werden deine letzten Worte sein? Uns hatte diese Frage fasziniert, weil wir dachten: In den letzten Worten kommt alles zum Ausdruck, was einen Menschen ausmacht. In den letzten Worten zeigt sich, wer er oder sie wirklich gewesen ist.

Die Bibel erzählt in den vier Evangelien viermal vom Tod Jesu am Kreuz. Und seine Worte sind da nicht immer dieselben. So wie die Evangelien jedes für sich Jesus auf besondere Weise beschreiben. Seine Geburt, sein Leben, sein Umgang mit den Menschen. Das ist nicht immer auf die gleiche Weise erzählt. Und so sind auch die letzten Worte Jesu am Kreuz nicht immer dieselben.

Bei Markus und Matthäus spricht er die Worte aus dem 22. Psalm, die wir heute auch schon im Gottesdienst gebetet haben: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Jesus geht hier selbst in die tiefste Gottverlassenheit hinein. Jesus, der für uns Gott selber ist, wird sich fremd im tiefsten Leid. In dieser Gottverlassenheit am Kreuz kommt er uns Menschen besonders nahe. Denn es ist ja zutiefst menschlich, dort, wo das Leiden einen erdrückt, dort, wo das Sterben der letzte Schritt ist, der noch zu tun ist, sich von Gott verlassen zu fühlen.

Im Lukasevangelium sagt Jesus: „Ich befehle meinen Geist in deine Hände.“ Viel ruhiger sind diese Worte. Keine Gottverlassenheit, sondern tiefstes Gottvertrauen. Die Gewissheit: Mein Lebensgeist, von Gott geschenkt, kann am Ende zu Gott zurückfinden. Und: Was auch immer kommt, ich kann das, was kommt, getrost Gott überlassen. Vielleicht sind es die tröstlichsten Worte, die die Bibel zu bieten hat: Ich befehle meinen Geist in deine Hände. Wohl dem, der so etwas sagen kann, wenn es einmal so weit ist.

Im Johannesevangelium, den Worten, die Karin uns gerade vorgelesen hat, begegnet uns Jesus noch einmal auf eine andere Weise: „Es ist vollbracht!“, das sind seine letzten Worte. Es ist vollbracht. So wie das ganze Johannesevangelium voll ist von rätselhaften Jesusworten, so auch hier an seinem Ende: Was ist denn da vollbracht?

Die ganze Erzählung von Kreuz und Tod Jesu ist bei Johannes durchzogen von einem Gedanken: Da erfüllt sich etwas, was schon lange angelegt ist. Da gibt es einen Plan Gottes, den Jesus hier unter den Menschen ausführt. Einen Plan, den er kennt und den er auf sich nimmt.

Oft ist darüber geschrieben worden, warum der Jesus im Johannesevangelium so wenig zu leiden scheint. Wie kann jemand, der am Kreuz jämmerlich verblutet, an einem der schlimmsten Hinrichtungsinstrumente, die sich die Menschheit je ausgedacht hat, wie kann jemand da fast gelassen sagen: Es ist vollbracht?

Das gleiche Wort „vollbracht“ verwendet Jesus kurz vorher. Er spricht mit seiner Mutter und mit einem seiner Jünger, der hier immer nur der Lieblingsjünger genannt wird. Er sagt zu seiner Mutter: „Siehe, dies ist dein Sohn.“ Und zu seinem Lieblingsjünger sagt er: „Siehe, dies ist deine Mutter.“ Auch das scheinbar ganz gelassen. Es ist wie eine Übergabe. Die Liebe, die Jesus nicht mehr geben kann, die sollen die Menschen jetzt weitergeben untereinander. Wie Mütter ihren Kindern. Wie Kindern ihren Eltern. So sollen die Menschen vom Kreuz aus ihr Leben führen.

Und dann heißt es im Evangelium: „Da wusste Jesus, dass schon alles vollbracht war.“ Alles gehört zusammen: Die Weitergabe der Liebe und der Tod am Kreuz.

Karfreitag, Jesus, Gott selber stirbt am Kreuz. Wird hingerichtet, krepiert. Auf ganz unterschiedliche Weise erzählen die Evangelien von diesen letzten Momenten Jesu. Auf der einen Seite ist da der mitleidende, der ganz und gar menschliche Gott. Jesus, der voller Todesverzweiflung ausruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“

Auf der anderen Seite der scheinbar so souveräne Christus, der den Plan Gottes ausführt wie in einem Drehbuch. „Es ist vollbracht.“ Die Erlösung, die Befreiung am Kreuz ist hier Teil eines größeren Plans. Und in der Begegnung mit dem Gekreuzigten wird uns dieser Plan aufgedeckt.

Unser Glaube braucht diese beiden Seiten des Kreuzes. Im Leiden dieser Welt und in unserem eigenen Leid da ist es tröstlich zu wissen, dass Gott den Weg des Leidens selber gegangen ist. Wie tröstlich ist es, dann, wenn das tiefste Leid, ja, wenn die Todesverzweiflung mich packt, wenn ich dann beten kann wie Jesus selbst:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“

Wenn ich mit Worten beten kann, die seit Jahrtausenden Menschen beten und die selbst Jesus am Kreuz herausgeschriehen hat.
Aber das Kreuz erzählt eben nicht nur die Geschichte vom Mitleiden Gottes. Sondern auch davon, dass das Leiden Jesu zu Gottes Erlösung dazugehört. Im Tod Jesu erlöst Gott diese Welt. Er erlöst mich. Im Tod Jesu ist etwas vollbracht. Da ist etwas an sein Ziel gekommen. Aber was? Was ist da eigentlich vollbracht?

Ein Schlüssel liegt in der Übergabe der Liebe von Jesus auf seine Mutter und auf seine Jünger und damit auch auf uns. Und der Schlüssel liegt in der merkwürdigen Nüchternheit, in der Johannes all das beschreibt.

Viele von uns haben in diesen Tagen die Bilder von Butscha in der Ukraine vor Augen. Ein Vorort von Kiew, in dem die russische Armee, davon kann man mittlerweile ausgehen, in den Tagen der Besetzung ein Massaker an der Zivilbevölkerung verübt hat. Wahllos habe sie Menschen erschossen. Menschen, die einfach nur mit dem Fahrrad unterwegs waren. Frauen, die zum Einkaufen gingen. Sie haben Männern mit Kabelbindern die Hände am Rücken zusammengebunden und sie dann auf offener Straße erschossen. Es wird in diesen Tagen immer deutlicher, dass das Massaker von Butscha keine Einzeltat war, sondern dass es zur Kriegsstrategie der russischen Armee gehört, durch Terror Schrecken zu verbreiten und so den Krieg zu eskalieren.

„Das ist deine Mutter, das ist dein Sohn“. Wie betrachtest Du diese Bilder? Sie sind ja für alle, die sie anschauen, von einem enormen Schrecken. Keine Frage. Auch ich musste richtig wegschauen, als ich die Bilder von den Leichen auf den Straßen gesehen habe. Aber schaue ich die Bilder so an, als ob dort meine Mutter oder mein Sohn liegt? Meine beiden ältesten Söhne sind jetzt Anfang 20. Sie könnten es sein. Aber schaue ich die Bilder wirklich so an?

„Das ist deine Mutter, das ist dein Sohn“, sagt Jesus kurz vor seinem Tod zu denen, die unter dem Kreuz versammelt sind. Es ist die Szene, die auf unserem Altarbild zu sehen ist. Nehmen wir diese Worte ernst? Nehme ich diese Worte ernst? Was dort geschieht am Kreuz und woran ich mit ganzem Herzen glauben will, ist etwas Ungeheuerliches: Im Angesicht des Sterbens Jesu vollzieht sich der Plan Gottes. Dieser Welt wird eine neue Wahrheit zu Grunde gelegt. Eine ganz schlichte, aber ungeheuerliche Wahrheit: „Das ist deine Mutter, das ist dein Sohn.“

Die Frau, die mit ihren Einkaufstaschen in der Hand auf dem Weg zum letzten noch offenen Geschäft in Butscha versucht hat, ein Brot für ihre Familie zu kaufen und die dann von einem Soldaten einfach aus einer Laune heraus erschossen wurde, sie war meine Schwester. Und das fünfjährige Kind, dass gestern Nacht in einem Keller in Charkiw erstickte, es war mein Kind.

Ich höre ja laut und deutlich, wie eine Stimme in euch sagt: „Naja, das ist schon etwas anderes. Das Kind, was in der Ukraine stirbt und mein Kind, was in seinem eigenen Bettchen in meinem Haus schläft, die beiden haben für mich schon eine andere Bedeutung.“ Und ich höre, wie es in euch spricht: „Wenn ich alle Menschen dieser Welt zu meinen Schwestern und Brüdern, Vätern und Müttern und Kindern mache, dann werde ich doch verrückt bei all dem Leid dieser Welt. Das kann Jesus ja nicht gemeint haben.“ Ich höre diese Stimmen in eurem Inneren, weil ich sie ja selbst in mir höre.

Unsere ganze Biologie, unsere Erziehung, unsere kulturelle Prägung vielleicht auch erzählt uns etwas anderes. Aber es gibt eine Wahrheit in dieser Welt, und die kommt in den Worten von Jesus zum Ausdruck, die sagt: Es gibt keinen Unterschied, ob das irgendeine unbekannte Frau ist, die da auf der Straße 1300 km von hier erschossen wird oder meine eigene Schwester. Beide haben das Recht zu leben. Der Tod von beiden führt zu unfassbarem Leid. Und nur, weil es nicht mein unmittelbares eigenes Leid ist und nur, weil ich es nicht bin, der ganz unmittelbar von diesem schreienden Unrecht betroffen ist, ist das Leid nicht geringer und das Unrecht nicht kleiner.

Es gibt diese Wahrheit und diese Wahrheit schreit in uns. Sie schreit in mir, wenn ich diese Bilder aus Butscha betrachte und dann in meinem Handy weiterscrolle und einen Artikel über das letzte Fußballspiel des Hamburger Sportvereins lese und mich darüber aufrege, dass meine Lieblingsmannschaft schon wieder verloren habe. Dann schreit diese Wahrheit in mir. Diese Wahrheit, die sagt, dass es tatsächlich meine Schwester ist, die da erschossen auf der Straße liegt und ich so tue, als ob es mich nichts anginge. Was ist da eigentlich mit mir los?

Was muss ich denn tun, wenn es meine eigene Schwester ist? Ich muss doch sofort aufspringen und mich um die Situation kümmern. Ich muss doch alles daran setzen, dass es niemanden mehr so ergeht wie ihr. Ich muss doch alles in meinem Leben hintenanstellen, um gegen dass Unrecht, gegen all das Unrecht dieser Welt zu kämpfen, oder nicht?

Und wenn ich das nicht tue, dann mache ich mich doch schuldig, oder nicht? Dann wird doch all mein Reden von den Brüdern und Schwestern, die wir doch alle sind auf der Welt, nur lächerlich, oder nicht? Reiner Zynismus.

Es ist vollbracht, sagt Jesus am Kreuz. Hier liegt sie vor euch, die Wahrheit eures Lebens. An diesem Tag. Nüchtern und klar. Hier ist kein mitleidender Gott. Hier sind eure Brüder und Schwestern, Eltern und Kinder. Alle seid ihr hineingestellt in das Grauen dieser Welt und miteinander verbunden. Und alle werdet ihr schuldig. Immer und immer wieder.

„Ich bin hier“, sagt Jesus „und nehme diese Schuld auf mich.“ Er sagt es, damit wir erlöst sind. Nicht frei von Verantwortung für diese Welt. Ganz und gar nicht. Aber frei von Schuld, an der wir alle zerbrechen würden. Es ist vollbracht. Und wir? Wir können leben, frei und erlöst und als nüchtern handelnde Menschen mitten im Grauen dieser Welt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

 

 

 


— Predigt zu Johannes 19, 30 am Karfreitag, dem 15. April 2022 von Pastor Matti Fischer in der Deutschen Kirche in Helsinki.


Hauptpastor der Gemeinde